Mein drittes Lebensjahrzehnt war bewegt. Das Dorfkind wurde zur Großstadtpflanze. Ein Studium wurde mit Erfolg abgeschlossen. Der erste Job in der Wunschfachrichtung hat geklappt. Geheiratet. Kind geboren. Und noch ein Kind geboren. Erste Wohnung und zweite Wohnung und dritte Wohnung und vierte Wohnung. Wieder weg von der Großstadt rein in den Ruhrpott. Nebenbei ging ein Staat verloren und ein neues unbekanntes Gebilde nannte sich vereintes Land.
Das Leben war so intensiv, dass ich heute kaum noch sagen kann, wie wir das alles gemacht haben.
Und bei all den persönlichen und politischen Umbrüchen wuchs ich mit und an einer Sprache, der Sprache von Christa Wolf. Ich habe mich lange nicht entscheiden können, welches denn das für mich wichtigste Buch sei. Letztendlich für dieses Jahrzehnt war es "Kassandra". Christa Wolf beschreibt eine junge Frau, gefangen in familiären und politischen Verstrickungen ihrer Zeit. Sie breitet ihr Innenleben aus, seziert es und setzt es neu zusammen. Ich habe mit dieser jungen Frau geliebt, gelitten und um sie geweint. Die historischen Ereignisse um Troja sind bekannt - oder auch nicht, was wusste Homer schon? Hier geht es darum, wie erlebt eine junge Frau, die sieht, ihr Wissen und ihre Ohnmacht, gefangen und verdammt in Untätigkeit. Wie stark kam ich mir vor, weil ich etwas tun konnte. Und Achill (der Held) kann ich nur noch denken als Achill, das Vieh.
Seither hat sich immer wieder bestätigt, es werden mehr Fehler gemacht durch Nichtstun als durch Tun.
Im Übrigen gibt es eine hervorragende Hörbuchversion, eingelesen von Corinna Harfouch.
... und außerdem noch von Heinrich Böll "Frauen vor Flusslandschaft". Das hat viel mit meinen persönlichen Erlebnissen in diesem Jahrzehnt um den Job des Ehemannes zu tun.
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